Redemanuskript Andreas Stoch
TOP 3 – Leben in Zeiten von Corona – welche Perspektive bietet die Kultusministerin Eltern und Kindern in Baden-Württemberg?

am 6. Mai 2020

Frau Präsidentin,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

wenn dieses Land eine Schulklasse wäre, dann könnte man sagen: Es steht Corona auf dem Stundenplan. Jeden Tag, quer durch alle Fächer. Wir diskutieren eine Gratwanderung zwischen nötigen Einschränkungen und möglichen Lockerungen, denn wir wollen unsere Gesundheit schützen und dieses Land ebenso am Laufen halten. Wir erleben eine Unmenge kreativer Ideen. Wir wollen irgendwie weitermachen. Wir MÜSSEN irgendwie weitermachen. Und wie wir weitermachen können, ist zurzeit die wichtigste Fragestellung. Auch an die Politik.

Und umso mehr ärgert es mich, dass ein ganz wichtiger Bereich unserer Gesellschaft bei diesen Debatten viel zu weit hinten anstehen muss. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass in den vergangenen zwei Wochen in der Öffentlichkeit mehr über die Möglichkeiten für den Profifußball gesprochen wurde als über Unterricht und Betreuung für unsere Kinder. Bei aller Liebe zum Fußball ist schon das ein Skandal!

Was wir seit Wochenbeginn an den Schulen erleben, ist ein Notlauf auf dem absolut kleinsten gemeinsamen Nenner. Weniger kann Baden-Württemberg gar nicht machen, ohne sich aus dem Konzert der übrigen Bundesländer zu verabschieden. Und für hunderttausende Kinder in diesem Land geht der Notlauf weiter. Ein Notlauf, der die Kinder und die Eltern, der auch die Lehrerinnen und Lehrer enorm fordert und der dennoch nicht auch nur ansatzweise die Qualität eines normalen Schulbetriebs erreichen kann. An diesem Notlauf arbeiten sich Lehrer und Familien ab, vor allem aber die Kinder.

Und viele scheitern daran. Die Coronakrise unterstreicht viele Probleme, die wir Sozialdemokraten seit jeher beklagt haben, wegen denen wir gegen viel Kritik und Widerstände Konzepte wie Ganztagesbetreuung und Gemeinschaftsschulen, individuelles Lernen und zeitgemäße digitale Ausstattung voranbringen wollten und, so lange wir es konnten, auch vorangebracht haben.

Die Coronakrise zeigt uns allen in aller Deutlichkeit, wie wichtig eine funktionierende digitale Bildungsplattform wäre. Eine Bildungsplattform, die Sie vermasselt haben und deren Neuauflage Sie bis heute nicht bewerkstelligt haben. Ich möchte an dieser Stelle den Vorsitzenden des Landeselternbeirats zitieren, der die Situation eindrücklich schildert: „Wir haben keine Möglichkeiten, auf digitale Bildungsangebote auszuweichen, weil wir nach wie vor in der Steinzeit sind. Nachdem die Bildungsplattform ella zusammengebrochen ist, stehen wir saublöd da“ (Stuttgarter Zeitung, 13.03.2020). Wir stehen damit nicht nur „saublöd da“, es manifestieren sich dadurch vor allem ungleiche Bildungschancen in unserem Land.

Faire Bildungschancen für alle bieten wir nur, wenn wir es nicht vom Elternhaus und der sozialen Stellung der Familie abhängig machen, wie gut ein Kind lernen kann. Faire Bildungschancen heißt, diese Kinder nicht allein zu lassen. Seit Wochen lassen wir viele Kinder allein. Und wir lassen zu, dass sie die großen Verlierer dieser Krise werden könnten. So kann das nicht bleiben, schon gar nicht, wenn wir damit rechnen müssen, dass uns Covid-19 noch lange beschäftigen wird. Wir brauchen eine Perspektive, wir brauchen Ideen. Und genau die bleibt das Kultusministerium schuldig.

Denn während überall in der Politik, in allen Bereichen der Gesellschaft ein sinnvolles Weitermachen trotz Corona auf dem Stundenplan steht, ist die Kultusministerin bis heute nicht aus der ersten Alarmphase herausgekommen. So wie früher geht es nicht, und wann es wieder so wie früher geht, wissen wir nicht. Sehr viel mehr hat man von Frau Eisenmann in all diesen Wochen nicht gehört.

Zumindest nicht zum Thema Schule. Sonst äußert sich Frau Eisenmann zu fast jedem Thema. Sie findet Markus Söder als Kanzlerkandidaten prima, sie hätte gerne eine Öffnung der Gastronomiebetriebe. Sie schlägt eine Senkung der Mehrwertsteuer vor und sie hat herausbekommen, dass viele alleinreisende Geflüchtete in Wahrheit gar nicht minderjährig, sondern 20 oder 25 Jahre alt sind. Ja, Frau Eisenmann ist die Spitzenkandidatin der CDU, und sie darf zu allem eine Meinung haben. Aber bezahlt wird sie im Moment als Kultusministerin, und in diesem Amt wäre zurzeit sehr viel Arbeit gefordert. Es müsste Corona auf Ihrem Stundenplan stehen, nicht Parteipolitik!

Ja, es wird an den Schulen und in den Kitas trotz Notbetrieb viel geleistet. Wir erleben Schulen, in denen die Rektoren und Lehrer in Eigenregie und mit viel privater Technik digitale Lösungen umgesetzt haben, wir erleben Kommunen, die weit über das ihnen zumutbare Maß hinaus für Ausstattung gesorgt haben. Es gibt die guten Beispiele, es gibt sogar viele davon. Aber sie sind nicht die Regel. Und es gibt sie nicht WEGEN der Kultusministerin, sondern TROTZ ihr!

Und es gibt auch die Familien, in denen es gute Voraussetzungen für das Lernen zuhause gibt, ein stabiles Netz, genügend Laptops und Tablets, Eltern mit flexiblen Arbeitszeiten. Aber auch das ist nicht die Regel. Und was ist mit denen, bei denen es nicht klappt? Die haben das Nachsehen, und das auf Dauer. Denn: So wie früher wird es ja so schnell nicht wieder. Das wiederholt die Kultusministerin wieder und wieder, wenn es um ihre eigentliche Aufgabe geht. Mehr sagt sie leider nicht.

Was mich ärgert, ist auch die grundsätzliche Herangehensweise: Schulverwaltung dient den Schulen, und die Schulen dienen den Kindern. Und eine gute Kultuspolitik muss immer vom Kind her denken, und damit meine ich, von ALLEN Kindern her. Wir haben Jahre dafür gekämpft, die Schere zwischen arm und reich zu schließen, wenn es um den Bildungserfolg geht. Was die letzten Wochen stattgefunden hat, bleibt dieses Denken schuldig. Es sind Ideen aus einer Wahrnehmungsblase, in der wohlsituierte Familien es schon schaffen werden, zuhause ein bisschen Lernstoff zu vermitteln. Die Bedeutung der Schule als Ort auch sozialen Lernens bleibt völlig auf der Strecke.

Und wenn es um die Kitas geht, bricht erzkonservative Schwärze durch: In Ihrer Argumentation, aber auch Ihrem Handeln geht es bei den Kitas nur darum, systemrelevant tätige Eltern arbeiten zu lassen. Kitas bleiben für sie Indoor-Spielplätze, nice to have. Die immense Bedeutung der frühkindlichen Betreuung, die Tatsache, dass Kitas Bildungseinrichtungen sind: Fehlanzeige!

Frau Ministerin, die Eltern, Lehrer und Erziehrinnen und vor allem die SCHÜLERINNEN und SCHÜLER dürfen mehr von Ihnen erwarten. Viel mehr. Sie dürfen erwarten, dass auch Sie sich endlich einen Betrieb in Coronazeiten auf den Stundenplan schreiben, dass sie dazu ihre Hausaufgaben machen. Und dazu gehört eben auch Eltern, Lehrer und Schulleiter rechtzeitig zu informieren und sie nicht alleine zu lassen. Wie kann man Verordnungen am Wochenende verkünden (7. Verordnung am 2. Mai) und Briefe am Feiertag verschicken? Eltern, Lehrer und Schüler dürfen erwarten, dass wir genau wie in der Wirtschaft, genau wie in der Kultur und überall im öffentlichen Leben nicht jammernd am Boden sitzen und beklagen, was nicht geht, sondern nach Lösungen suchen, nach dem, was eben gehen kann und gehen muss.

Überall wird von Schutzschirmen geredet. Wir sagen, wir brauchen auch einen Schutzschirm für Schülerinnen und Schüler, einen Schutzschirm für Lehrerinnen und Lehrer, für Erzieherinnen und Erzieher. Wir brauchen finanzielle Mittel, um den enormen Mehraufwand zu bestreiten, wir brauchen eine verlässliche digitale Ausstattung auch für die Schüler, die sie eben nicht privat aufbringen können. Wir brauchen Mindestangebote für die Familien. Wenn Sie nicht verstanden haben, wie viele Familien unabhängig vom Beruf der Eltern schon lange eine Notbetreuung nötig hätten, haben sie keine Ahnung von der Lebenswirklichkeit in unserem Land!

Vor allem brauchen wir aber Konzepte: Klare Konzepte für eine Mischung aus Präsenzunterricht und digitalem Lernen, für Schichtmodelle, für Kleinstgruppen, in denen Schüler sich nicht nur wieder begegnen können, sondern auch die Unterschiede zwischen bildungsferneren und bildungsaffineren Elternhäusern ausgeglichen werden können. Wir brauchen die Schulen auch als LERNORTE für alle die Kinder, die zuhause mit zwei Geschwistern in einem engen Kinderzimmer leben und sich für jede digitale Hausaufgabe mit dem großen Bruder um den Computer streiten müssen. Wir brauchen einen Fahrplan, mit absehbaren Stufen. Wie geht es weiter, wenn es weitergehen kann? Worauf müssen, worauf können sich alle einstellen?

Es wird nachher heißen, man entwickle doch Szenarien und arbeite an Plänen. Das ist schön, aber genau das heißt es aus Ihrem Mund seit über einem Monat. Vorgelegt wurde gar nichts, und als die Ministerpräsidenten sich mit der Kanzlerin auf erste Lockerungen verständigt hatten, kam von Ihnen ein derart entschlossenes „Äääh“, dass ich meine Zweifel daran habe, ob Sie auch nur halbfertige Szenarien in der Schublade haben.

Was bleibt, ist eine enorme Unsicherheit für Hunderttausende Familien, für Schulen, Lehrer und die Schüler und Kinder. Eine Unplanbarkeit ohne jede Perspektive. Das hat nicht die Kultusministerin ausgelöst, sondern das Coronavirus, gewiss. Aber die Kultusministerin hat nichts unternommen, um diese Unsicherheit zu mindern. Corona gibt es in jedem Bundesland, aber in anderen Bundesländern gibt es weit klarere Pläne!

Meinen Kindern sage ich immer, sie müssen ihre Hausaufgaben auch in Zeiten von Corona machen. Ich sage ihnen, dass sie GERADE in Zeiten von Corona ihre Hausaufgaben machen müssen.

Das gleiche, Frau Kultusministerin, sage ich Ihnen.

Vielen Dank.

Es gilt das gesprochene Wort.

Ansprechpartner

Markus Sommer
Berater für Bildung, Jugend und Sport