Wir müssen in Baden-Württemberg Arbeitsplätze sichern, neue schaffen und Wertschöpfung im Land halten. Dafür brauchen wir mehr Innovationen aus und für Baden-Württemberg. Es ist die Aufgabe der Politik, dafür den passenden Rahmen zu schaffen. Baden-Württemberg verfügt insbesondere in den Zukunftsfeldern Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, Mikroelektronik, Robotik, Luft- und Raumfahrt, Sicherheits- und Verteidigungsforschung sowie Gesundheitsforschung über eine hervorragende Forschungslandschaft, getragen von unseren Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) und Forschungseinrichtungen. Doch allzu oft finden aktuelle Forschungsergebnisse und neue Entwicklungen nicht den Weg in die Unternehmen. Wir müssen die wissenschaftliche Expertise im Land in wirtschaftliche und industrielle Stärke umsetzen und Forschung und Wirtschaft enger verzahnen. So bringen wir die Transformation voran und schaffen zugleich neue Arbeitsplätze. Um das zu erreichen, fordern wir:
1. Kooperationen von Hochschulen und Unternehmen stärken
– Transfer muss gesetzliche Aufgabe der Universitäten werden
– Transferzentren und Transferbeauftragte an den Hochschulen etablieren
– Kooperations-Coaches für Hochschulen und Unternehmen einführen
– Zugang zur Forschungsinfrastruktur für Startups und KMU sicherstellen
– Förderprogramme für die Kooperation von Hochschulen und Unternehmen öffnen und aufstocken
– Anreize für Professor:innen schaffen, verstärkt mit Unternehmen zu kooperieren
2. Ausgründungen aus Hochschulen und Startups fördern
– Langfristige und nachhaltige Gründungsförderung an Hochschulen
– Start-up-Finanzierung aufstocken und verstetigen
– Mehr Studierende für Gründungen begeistern: Entrepreneurship im Studium verankern und ein „Extra-Jahr“ für zukünftige Gründer:innen nach dem Master- oder PhD-Studium
– Frauen, Gründer:innen mit Einwanderungsgeschichte und aus nicht-akademischen Elternhäusern („,Arbeiterkinder“) sowie internationale Studierende unterstützen
3. Potentiale der Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) endlich voll ausschöpfen
– Forschungsausstattung der HAW auf 15 Mio. Euro jährlich erhöhen und dynamisieren
– Förderung der HAW bei der Beschaffung von Forschungsinfrastruktur sichern
– HAW-Teilzeitprofessur einführen, forschungsstarke HAW-Professor:innen entlasten und das HAW- Mittelbauprogramm ausbauen
– Langfristige Finanzierung des Baden-Württemberg Center for Applied Research (BW-CAR)
Unsere Forderungen
1. Kooperationen von Hochschulen und Unternehmen stärken
Transfer muss gesetzliche Aufgabe der Universitäten werden. Mit einer Anpassung des Landeshochschulgesetzes (LHG) wollen wir erreichen, dass die Themen Transfer und Innovation fest in den Universitätsleitungen verankert und zentral für die gesamte Universität vorangebracht werden.
Baden-Württemberg verfügt über eine hervorragende Forschungslandschaft und eine starke Wirtschaft. Forschungseinrichtungen wie die Fraunhofer-Institute, Initiativen wie innBW und NXTGN entwickeln bereits zusammen mit Unternehmen neue Produkte. Dennoch tun sich gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) schwer, einen Zugang zur Wissenschaftzu finden. Um den Zugang für KMU zu angewand- ter Forschung niedrigschwellig zu gestalten, etablieren wir Transferzentren und Transferbeauftragte an den Hochschulen als Ansprechpersonen für die Unternehmen. An den Hochschulstandorten, an denen es bereits Ansprechpersonen gibt, werden wir deren Stellen verstetigen. Unternehmen, die auf der Suche nach einem Partner aus der Wissenschaft sind, können über die Transferzentren Kontakte in die Wissenschaft knüpfen, Kooperationen eingehen und ihre Produktentwicklung voranbringen. Auf diese Weise fördern wir die angewandte Forschung und sorgen zugleich für mehr Innovationen in Baden-Württemberg.
Auch wenn sich Unternehmen und Forschungsgruppe gefunden haben, können die Hürden bis zu einem Kooperationsvertrag hoch sein. Unternehmen und Hochschulen sind unterschiedliche Systeme, die nach unterschiedlichen Regeln funktionieren. Wir werden in den Transferzentren deshalb Kooperations-Coaches etablieren, die die Hochschulen und Unternehmen neutral rechtlich beraten, und zudem Standard- kooperationsverträge zur Verfügung stellen.
Die rasante Entwicklung von KI und anderen Zukunftstechnologien stellen Unternehmen vor neue Her- ausforderungen – ganz besonders dann, wenn die Unternehmen nicht über eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung (FuE) verfügen. Deshalb brauchen die baden-württembergischen Startups und KMU Zugang zur modernen Forschungsinfrastruktur der Hochschulen, beispielsweise zum Höchstleis- tungsrechenzentrum Stuttgart (HLRS) oder den HPC-Standorten (High Performing Computing).
Wir werden Förderprogramme für die Kooperation von Hochschulen und Unternehmen öffnen und auf- stocken, um so die angewandte Forschung zu stärken und gezielt KMU zu unterstützen, die über keine eigene Entwicklungs- und Forschungsabteilung verfügen.
Für Professor:innen werden wir Anreize schaffen, verstärkt mit der Wirtschaft zusammenzuarbeiten: Be- sondere Leistungen beim Umsetzen von Forschungsergebnissen (z.B. Patente) und im Technologietransfer in Kooperation mit oder als Auftragsforschung für die Wirtschaft müssen entsprechend honoriert werden.
2. Förderung von Ausgründungen und Startups
Die Bundesprogramme „EXIST Potentiale“ und „StartUpLab@FH“ haben gezeigt: Eine kurzfristige Finan- zierung der Ausgründungsförderung an Hochschulen schafft zunächst Strukturen und Personal, die eine positive Wirkung entfalten. Doch mit dem Auslaufen der Bundesprogramme fielen nahezu zwei Drittel dieser Stellen aufgrund der unzureichenden Grundfinanzierung der Hochschulen weg – das führt zu ei- nem Brain-Drain, den wir uns nicht leisten können. Wir brauchen eine langfristige und nachhaltige Grün- dungsförderung an den Hochschulen, die dauerhaft- also nicht nur für wenige Jahre – finanziert ist.
Startups und Ausgründungen aus Hochschulen haben es in Baden-Württemberg sehr schwer, an Risikokapital zu kommen. 2024 flossen nur 567 Mio. Euro Risikokapitalan Startups in Baden-Württemberg. 2023 waren es noch 736 Mio. Euro. Im gleichen Zeitraum verfügten Startups in Bayern über 2,3 (2024) bzw. 1,7 Mrd. Euro (2023). Das zeigt: Baden-Württemberg hat großen Nachholbedarf. Deshalb werden wir die Start-up-Finanzierung aufstocken und verstetigen, um so auch mehr privates Kapital zu hebeln.
12,5 % aller Startups in Deutschland hatten 2024 ihren Sitz in Baden-Württemberg; damit landet Baden- Württemberg auf dem vierten Platz hinter NRW (19 %), Berlin (18,8 %) und Bayern (16,8 %). Um diesen Anteil in Zukunft zu erhöhen, müssen wir mehr Studierende für Gründungen begeistern und befähigen. Dazu verankern wir Entrepreneurship in Master- und PhD-Studiengängen, insbesondere in MINT-Fächern. Gründer:innen brauchen Zeit, um ihre Idee umzusetzen. Wir fordern ein,,Extra-Jahr“ für zukünftige Grün- der:innen nach dem Master- oder PhD-Studium. In einem Aufbaustudiengang können die Gründer:innen ihre Idee entwickeln und Kontakte in die Wirtschaft und zu Investor:innen knüpfen. Zudem werden wir prüfen, wie wir es Professor:innen erleichtern, neben der Professur ein Startup aufzubauen und zu leiten.
2024 ist der Anteil an von Frauen gegründeten Startups im Vergleich zum Vorjahr bundesweit erstmals von 20,7 % auf 18,8 % gesunken. Diese Entwicklung ist alarmierend. Wenn weniger Frauen gründen, be- deutet das weniger Innovation und Wirtschaftswachstum, da ihre Potentiale nicht genutzt werden. Auch Gründer:innen mit Einwanderungsgeschichte sind in der Startup-Szene unterrepräsentiert (2024 bundes- weit 17,8 %). Wir brauchen deshalb Förderprogramme, die sich gezielt an Frauen, Menschen mit Einwan- derungsgeschichte und Menschen aus nicht-akademischen Elternhäusern (,,Arbeiterkinder“) richten. Auch internationale Studierende, die gründen wollen, brauchen gezielte Unterstützung. Dabei werden wir insbesondere die Frage der Startup-Finanzierung in den Blick nehmen. So hat sich beispielsweise der Gen- der-Investment-Gap bei der Startup-Finanzierung 2024 bundesweit deutlich verschärft: Nur 43 Mio. Euro gingen 2024 an von Frauen gegründete Startups, im Verglich zum Vorjahr entspricht das einem Rückgang von 58 %. An allein von Männern gegründete Startups flossen dagegen 6,2 Mrd. Euro -das entspricht ei- nem Plus von 25 %.
3. Potentiale der HAW endlich voll ausschöpfen
Die Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) sind traditionell regional wie auch international eng mit der Wirtschaft verzahnt. HAW-Studiengänge weisen einen deutlichen Praxisbezug auf und ge- forscht wird oft in Kooperation mit Unternehmen. Doch aufgrund der mangelnden Unterstützung durch die Landesregierung wird das Potential der HAW nicht ausreichend genutzt. Die Unterstützung des Landes für die Forschung an HAW stagniert seit 2012 bei knapp 7,8 Mio. Euro pro Jahr. Die Forschungsausstattung für die HAW muss auf 15 Mio. Euro pro Jahr angehoben und dynamisiert werden.
Ohne Infrastruktur gibt es keine Forschung – das gilt auch für die angewandte Forschung an den HAW. Doch bei Förderungen von EU und Bund ziehen die HAW gegenüber den Universitäten oft den Kürzeren. Nun hat die grün-schwarze Landesregierung bei der Aufstellung des Staatshaushaltsplans 2025/26 den Landesanteil für die Beschaffung von Großgeräten für die Forschung an den HAW gestrichen und spart so über 20 Mio. Euro ein – allerdings an der ganz falschen Stelle. Wer mehr Forschungstransfer will, wer die Wirtschaft bei der Transformation unterstützen will, der darf nicht bei der angewandten Forschung spa- ren! Die Streichung muss zurückgenommen werden – spätestens mit dem nächsten Landeshaushalt.
Um das große Transferpotential der HAW noch besser zu nutzen, werden wir die HAW-Teilzeitprofessur (60% Anstellung als Professor:in an der HAW und 40% Anstellung in einem Unternehmen) einführen. Auf diese Weise ermöglichen wir enge Kooperationen zwischen HAW und regionalen Unternehmen auf Ebene des Personals. Die Unternehmen erhalten direkten Zugriff auf die Expertise des/der Forschenden; zugleich wird die Lehrqualität an den HAW insbesondere im Bereich der praktischen Anwendung gesteigert. Die grün-schwarze Landesregierung wollte zumindest in Einzelfällen die Reduzierung des Lehrdeputats für forschungsstarke HAW-Professor:innen ermöglichen. Doch dieses Versprechen hat Grün-Schwarz trotz der großen Novelle des LHG nicht umgesetzt. Die Leistungen der forschungsstarken HAW-Professor:innen müssen endlich anerkannt werden – durch eine Reduzierung des Lehrdeputats für die Mitglieder des Pro- motionsverbands, die Promovierende betreuen. Um weiterhin gute Lehre an den HAW zu gewährleisten und die Forschung zu stärken, muss das bestehende HAW-Mittelbauprogramm ausgebaut werden.
Abgesehen von einer Anschubfinanzierung hat das Land keine Mittel für das Baden-Württemberg Center for Applied Research (BW-CAR) – das Promotionszentrum des Promotionsverbands – bereitgestellt. Der Promotionsverband sichert die Qualität von HAW-Promotionen und ist damit Motor für die angewandte Forschung. Das BW-CAR finanziert sich derzeit ausschließlich über eine Umlage von den HAW -doch das reicht nicht aus. Für eine exzellente angewandte Forschung an den HAW ist eine langfristige Finanzierung des BW-CAR Grundvoraussetzung. Dafür müssen für das BW-CAR mindestens drei Stellen direkt über den Haushalt des Wissenschaftsministeriums finanziert werden.





