In Baden-Württemberg arbeiten insgesamt rund eineinhalb Millionen Menschen in der Industrie, davon knapp 1,2 Millionen in Betrieben mit über fünfzig Beschäftigten. Der Automobil- und Zulieferindustrie kommt dabei große Bedeutung zu, aber auch der Maschinen- und Anlagenbau wie auch die chemisch-pharmazeutische Industrie sind im Land überdurchschnittlich stark vertreten. Im bundesweiten
Durchschnitt liegt der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung bei rund 22 Prozent, in Baden-Württemberg mit rund 32 Prozent deutlich höher. Alleine diese Zahlen verdeutlichen, welchen Stellenwert die Industrie in und für Baden-Württemberg hat.
Jedoch steht der Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg mit seiner starken Industrieorientierung unter Druck. Die Wirtschaftsdynamik im Land ist schwach, Baden-Württemberg liegt deutlich unter dem Bundesschnitt. In vielen Industriebetrieben wurden bereits Arbeitsplätze abgebaut oder es gibt Überlegungen hierzu. Die SPD-Landtagsfraktion, die IG Metall und die IGBCE sind davon überzeugt: Politik, Gewerkschaften und Unternehmen müssen im Schulterschluss dafür sorgen, dass Baden-Württemberg ein starker Industriestandort mit sicheren und tarifgebundenen Industriearbeitsplätzen bleibt.
Wichtig ist uns dabei:
• Der Erhalt von Arbeitsplätzen und die Sicherung des Industriestandorts Baden-Württemberg stehen für uns an erster Stelle. Überzogene Renditeerwartungen dürfen nicht auf dem Rücken der Beschäftigten und ihrer Familien durchgesetzt werden. Beispiele wie Bosch oder Voith zeigen, dass sich zunehmend Unternehmen ihrer Verantwortung für die Beschäftigten entziehen und bereit sind, die über Jahrzehnte aufgebaute und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Geschäftsleitungen und Belegschaft aufzukündigen anstatt gemeinsam und auf Augenhöhe mit den Betriebsräten nach guten Lösungen zu suchen und dies dann umzusetzen.
• Das Land ist aufgrund seiner starken Industrieorientierung, vor dem Hintergrund der schwachen Wirtschaftsdynamik sowie den geopolitischen Herausforderungen stärker als je zuvor gefordert, eine aktive Industrie- und Strukturpolitik voranzutreiben, um Wohlstand und Zukunftsfähigkeit zu sichern. Die grün-schwarze Landesregierung hat diese Dringlichkeit nicht rechtzeitig erkannt und zu wenig getan. Die kommende Landesregierung muss zur Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Infrastruktur ausbauen, Innovationen und Zukunftstechnologien fördern und Unternehmensansiedlungen beispielsweise auf Industriebrachen beherzt vorantreiben. Notwendig ist Industriepolitik aus einer Hand, die nicht an Ressortzuständigkeiten scheitert, klare Prioritäten setzt und konkrete Umsetzungsschritte beinhaltet.
• Es ist ein Staatsfonds des Landes einzurichten, der sich befristet und unbürokratisch an Unternehmen beteiligt, Investitionen im Land und Arbeitsplätze sichert und so Unternehmen Zukunftsperspektiven bietet, wenn diese in der Transformation zusätzliches Kapital für die Entwicklung neuer Produkte, Verfahren und Erschließung von Märkten benötigen.
• Investitionen, Förderungen oder Hilfen des Landes dürfen Unternehmen nur dann erhalten, wenn diese im Gegenzug verbindliche Zusagen zu Standorttreue, Beschäftigungssicherung oder -ausbau und zur Stärkung der Tarifbindung geben. Zudem ist mit Blick auf die Vergabe und Beschaffungspraxis des Landes darauf zu achten, dass – soweit möglich – heimische Hersteller (z.B. Feuerwehrfahrzeuge, Busse usw.) zum Zuge kommen.
• Die Automobilindustrie ist das Rückgrat der baden-württembergischen Wirtschaft, auch wenn die PKW-Produktion im Land im Jahr 2024 im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent gesunken ist. Es muss alles dafür getan werden, dass die Automobilindustrie auch künftig weltweit Spitze bleibt. Die Flexibilisierung auf dem Weg zur vollständigen Klimaneutralität im Individualverkehr schafft dafür wichtige Handlungsspielräume. Diese Spielräume dürfen jedoch keinesfalls zu einer Investitionspause führen. Jetzt gilt es Fahrt aufzunehmen und mit voller Kraft verstärkt in Deutschland bzw. Baden-Württemberg in Elektrifizierung, Batterietechnik, autonomes Fahren, Digitalisierung und nachhaltige Mobilitätslösungen zu investieren, was auch die gesamte Bandbreite der Zulieferindustrie stützen wird
• Wachstums- und Stärkungsinitiativen des Landes sind auf weitere Branchen wie auf den mit rund 320.000 Beschäftigten für Baden-Württemberg wichtigen Maschinen- und Anlagenbau auszuweiten, um gemeinsam mit allen relevanten Akteuren verbindliche Schritte zu vereinbaren, um Unternehmen zu stärken und Beschäftigung zu sichern.
• Die chemisch-pharmazeutische Industrie mit ihren rund 500 Unternehmen und 100.000 Beschäftigten in Baden-Württemberg hat eine gewichtige Rolle für Wirtschaft und Beschäftigung. Die Arzneimittelhersteller in Baden-Württemberg mit rund 40.000 Beschäftigten sind Schlüsselindustrie. Die kommende Landesregierung setzt dafür verbindlich eine landesweite Pharmastrategie um, wobei sie die Grundlagenforschung fördern und die rote Biotechnologie als Schwerpunkt weiter stärken sollte. Der Erhalt und Ausbau von Clusterstrukturen wie BIOPRO BW sowie bewährte Dialogformate mit Wirtschaft, Gewerkschaften und Verbänden sichern die internationale Spitzenposition des Landes im Pharmabereich. Dadurch wird unter dem Leitmotiv des gesunden Menschen die krisensichere Versorgung mit notwendigen pharmazeutischen Erzeugnissen möglich gemacht.
• Um für die Produktion der Industrie bezahlbare Energie mit Versorgungssicherheit zu gewähren, muss sich die künftige Landesregierung für einen wettbewerbsfähigen Industriestrompreis und die Deckelung der Netzentgelte einsetzen. Die Beibehaltung einer bundesweit einheitlichen Stromgebotszone steht dabei außer Frage. Gleichzeitig wird der Ausbau erneuerbarer Energien und von Speicherinfrastruktur massiv beschleunigt, wobei Kohlekraftwerksstilllegungen nur bei gesicherter Grundlast durch neue emissionsarme Kraftwerke erfolgen. Ergänzend entwickelt Baden-Württemberg eine realistische Wasserstoffstrategie mit klaren Meilensteinen für Erzeugung, Import und Verteilnetze, um so mittel- und langfristig eine klimaneutrale Produktion aufzubauen und Arbeitsplätze in der Industrie zu sichern.
• Politik, Unternehmen, Beschäftigte und Gewerkschaften dürfen nicht nachlassen, den Industriestandort mit neuen Technologien und Innovationen „made in BW“ weiterzuentwickeln, damit Baden-Württemberg auch morgen industrielle Herzkammer Deutschlands und ein starker Standort für gute, tarifgebundene Arbeit und sichere Arbeitsplätze bleibt. Baden-Württembergische Unternehmen müssen unterstützt von Landesseite die Chancen von Greentech, KI, Quantencomputing und weiteren Zukunftsfeldern aktiv nutzen mit dem Ziel, hier Beschäftigung aufzubauen.

Heidenheim, 13. Januar 2026
Andreas Stoch MdL, Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion und der SPD Baden-Württemberg
Barbara Resch, Bezirksleiterin IG Metall Baden-Württemberg
Catharina Clay, Landesbezirksleiterin IG BCE Baden-Württemberg

Ansprechpartner

Sven Plank
Berater für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus