MdL Gunter Kaufmann: „Guter Unterricht ist der Dreh- und Angelpunkt – deshalb sind hochqualifizierte, früh mit der Praxis vertraute Lehrer der Schlüssel für bessere Lernleistungen“
MdL Helen Heberer: „Zur Schlüsselqualifikation jeder Lehrerin und jedes Lehrers muss es gehören, Kinder und Jugendliche entschieden mehr als bisher im Unterricht fordern und fördern zu können“
Die SPD-Landtagsfraktion macht sich für eine Reform des Lehrerstudiums stark, die im Grundsatz am Staatsexamen und damit an der Verantwortung des Landes festhält, mit der aber die Lehrerausbildung zugleich geöffnet wird für die Möglichkeiten des Bologna-Prozesses. Dieser strebt als Hauptziel ein europaweites System vergleichbarer Hochschulabschlüsse an. Einer schlichten Übertragung der Bachelor- und Master-Abschlüsse auch auf das Lehramtsstudium erteilt die SPD indes eine klare Absage.
Der in der SPD-Fraktion als Schulpolitiker für die Lehrerbildung zuständige Abgeordnete Gunter Kaufmann sagte bei der Vorstellung des Reformkonzepts, die künftige Lehrerausbildung müsse „den goldenen Mittelweg beschreiten, die bewährte Grundstruktur der Lehramtsstudiengänge mit den Vorteilen des Bologna-Prozesses zu verbinden.“
Das SPD-Reformkonzept für die Lehrerausbildung sieht im Kern die Modularisierung des Studienangebots mit einer entsprechenden Credit-Point-Zuordnung vor. Damit wären nach den Worten Kaufmanns die Studienleistungen sowohl in den Lehramtsstudiengängen als auch in denjenigen Bachelor- und Master-Studiengängen anrechenbar, die solche Studienleistungen verlangen.
Anstelle von Schularten sollen die Lehrämter künftig ferner nach Altersstufen ausgerichtet werden. Eine weitere Kernforderung der SPD lautet, den Bezug zum schulischen Berufsalltag durch ein verbindliches Praxisjahr innerhalb des Studiums zu verstärken.
Bachelor- und Master-Abschluss nicht auf Lehrerausbildung überstülpen
Die Absicht, die Bachelor-Master-Struktur einfach auf die Lehrerausbildung überzustülpen, trägt nach Ansicht Kaufmanns einen strukturellen Widerspruch in sich. Während die bestehenden Staatsexamensstudiengänge inhaltlich und formal in der Zuständigkeit des Landes lägen, trügen für die Bachelor- und Master-Studiengänge allein die Hochschulen Gestaltungs- und Durchführungsverantwortung.
Gunter Kaufmann: „Die Lehrerausbildung richtet sich aber auf ein Berufsfeld, das vom Staat organisiert und finanziert wird. Sie muss, erst recht nach den PISA-Studien, qualitative Standards und Vergleichbarkeit gewährleisten.“
Vor diesem Hintergrund erwiese man dem um seine internationale Wettbewerbsfähigkeit ringenden baden-württembergischen Schulwesen einen Bärendienst, wenn das Land die Inhalte der Lehrerausbildung den Hochschulen oder Akkreditierungsagenturen überließe. „Der Landesgesetzgeber muss schon selbst Qualität, Vergleichbarkeit und allgemeine Einsetzbarkeit gewährleisten“, unterstrich Kaufmann.
Der SPD-Abgeordnete sieht sich in seiner Auffassung auch von allen Experten bestätigt. Es gebe keine ernstzunehmende Stimme, die für die Anerkennung des Bachelor-Abschlusses als zum Unterricht befähigenden Abschluss eines Lehrerstudiums plädiert. Hinzu komme, dass auf dem Arbeitsmarkt für Bachelor-Examinierte in Lehramtsstudiengängen außerhalb des Schulwesens so gut wie keine Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung stünden.
Kaufmann wendet sich auch gegen die Vorstellung, in einem Bachelor-/Master-Studiengang Lehrer polyvalent, also eignungsübergreifend für andere Berufsfelder auszubilden. Ein solcher Ansatz ginge unweigerlich zu Lasten der schul- und unterrichtsbezogenen Lehrinhalte und damit der Qualität des Studiums. „Die Vorstellung, ein Biologielehrer könne nach zehn Jahren am Gymnasium mir nichts dir nichts in eine gentechnische Forschungsabteilung wechseln, ist und bleibt weltfremd“, sagte Kaufmann.
Die SPD verschließe jedoch auch nicht die Augen davor, dass der Bologna-Prozess in den Hochschulen fast flächendeckend durchgesetzt ist und insofern den Studierenden der Lehramtsstudiengänge eine möglichst unproblematische Möglichkeit des Wechsels in andere Berufsfelder eröffnet werden sollte.
Kaufmann sprach sich deshalb dafür aus, dass die Hochschulen bei entsprechenden Studien- und Prüfungsleistungen in lehramtsverwandten Studiengängen den Titel „Bachelor“ und „Master“ auch an Lehramtsstudenten vergeben sollten, wobei diese Leistungen auch im Ersten Staatsexamen angerechnet werden können.
Kaufmann bezeichnete die Lehreraus- und –fortbildung als Dreh- und Angelpunkt einer erfolgreichen Schulpolitik: „Die besten Strukturreformen bewirken keine gute Schule, wenn es keine hochqualifizierten, motivierten Lehrerinnen und Lehrer gibt.“
Helen Heberer zu den einzelnen Phasen eines künftigen Lehrerstudiums
Die als Hochschulpolitikerin mit der Lehrerbildung befasste Abgeordnete Helen Heberer erläuterte die einzelnen Phasen, die nach den SPD-Plänen ein künftiges Lehramtsstudium durchlaufen soll. Starten würde es mit einem vier bis fünf Jahre dauernden Hochschulstudium an einer Universität, einer Kunst- und Musikhochschule, einer Pädagogischen Hochschule oder an einer (Fach)Hochschule.
Das Erste Staatsexamen soll nach dem Hochschulstudium, das Zweite Staatsexamen nach dem Vorbereitungsdienst abgelegt werden. Der Vorbereitungsdienst wird wegen des Praxisjahres auf ein Jahr verkürzt. Im Anschluss an das Lehrerstudium soll die Möglichkeit geschaffen werden, in den ersten drei bis fünf Berufsjahren an Schulen oder Kindertageseinrichtungen Seminare anzubieten, die die Arbeit der jungen Lehrerinnen und Lehrer unterstützen und bei der Lösung der im Schulalltag anfallenden Probleme helfen.
Helen Heberer: „Dem Hochschulstudium liegt ein duales Studien- und Ausbildungskonzept zugrunde. Die Berufspraxis wird durch ein verbindliches Praxisjahr für alle Studierenden in das Studium integriert. Das Studienangebot ist in Module zu gliedern, die inhaltlich und formal ein einheitliches Niveau gewährleisten, insoweit transparent und verlässlich sind und in der Zuordnung von Credit Points ihre Bewertung erfahren.“
Auf diese Weise seien diese Module konvertierbar zwischen den einzelnen Studiengängen und Studienorten. So werde außerdem ihre prinzipielle Anerkennungsfähigkeit im Ausland und in anderen Bundesländern gesichert. Dies gelte dann auch für Studierende, die in der Bachelor-/Master-Struktur in anderen Fächern weitermachen. Im Ersten Staatsexamen müssten die Ergebnisse der Modulprüfungen der Bachelor-Studiengänge angemessen berücksichtigt werden.
Mit Blick auf eine bessere Lehr- und Lernqualität an allen Schulen hält es Heberer für einen Schlüssel, die fachdidaktischen und bildungswissenschaftlichen Studienanteile zu erhöhen. Künftige Lehrer müssten in stärkerem Maße für pädagogisch-psychologische Zusammenhänge sensibilisiert werden. „Wer als Lehrer in heterogenen Lerngruppen durch individuelle Förderung bessere Leistungen bewirken will, muss über die dafür erforderliche Diagnose-, Beurteilungs- und Beratungskompetenz verfügen“, betonte Heberer. Für alle Fächer sollen verpflichtende Mindestanforderungen festgelegt werden. „Zur Schlüsselqualifikation jedes Lehrers gehört es in Zukunft, Kinder und Jugendliche im Unterricht individuell fordern und fördern zu können“, sagte Heberer.
Die SPD will mit ihren Reformplänen die bisherigen Hierarchien der Hochschulen für die unterschiedlichen Schulformen auflösen. Lehramtsstudierende werden unabhängig vom angestrebten Lehramt an den Universitäten, Pädagogischen Hochschulen, den Kunst- und Musikhochschulen und auch an den (Fach)Hochschulen ausgebildet. „Die Gestaltung des Studiums orientiert sich künftig also nicht mehr strukturell-hierarchisch, sondern qualitativ-inhaltlich“, erläuterte Heberer.
Die künftigen Bildungsstudiengänge beziehen sich im Konzept der SPD auf folgende Lehrämter: Elementarerziehung, Grundschule, Sekundarstufe I (Hauptschule, Realschule, Gymnasium), Sekundarstufe II. Eine solche Struktur sei einerseits geboten wegen der zu Recht um sich greifenden Einsicht in einen höheren Stellenwert der Elementarerziehung. Andererseits zeichnet sich nach Auffassung Heberers eine grundlegende Ver-schiebung zwischen den Schulformen ab oder sogar ihre partielle Auflösung, so dass zeitgemäße und zukunftssichere Lehrerbildungsgänge über die bisherigen Grenzen der Schularten hinaus konzipiert werden müssten.
Helen Heberer: „Studierende holen sich ihre Lehrinhalte jeweils dort ab, wo sie auf höchstem Niveau angeboten werden. Erzieherinnen besuchen neurowissenschaftliche Lehrveranstaltungen an Universitäten, Sekundarstufe II-Lehrer versorgen sich mit bildungswissenschaftlichen Angeboten an den Pädagogischen Hochschulen. Eine enge Kooperation zwischen allen beteiligten Hochschulen ist damit jedoch unverzichtbar.“
Martin Mendler
Stellv. Pressesprecher