Claus Schmiedel: „Die sechsjährige Grundschule und die darauf folgende vierjährige Gemeinschaftsschule bringen bessere Bildungschancen für alle und ein höheres Leistungsniveau“

SPD-Anhörung: Experten für längeres gemeinsames Lernen

Der Druck auf die Landesregierung, das überkommene dreigliedrige Schulwesen in Baden-Württemberg auf grundlegend neue Beine zu stellen, wird immer größer und breiter. Auf einer Anhörung der SPD-Fraktion zu ihrem Gesetzentwurf für eine neue Schulstruktur sprachen sich im Stuttgarter Landtag zahlreiche Experten aus Wissenschaft, Verbänden und Schulpraxis für ein längeres gemeinsames Lernen an den Schulen aus.

SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel warb in seiner Einführung dafür, die Diskussion über eine neue Schulstruktur endlich zu entideologisieren und den überfälligen Kurswechsel ohne Scheuklappen anzugehen. „Die sechsjährige Grundschule und die darauf folgende vierjährige Gemeinschaftsschule, wie sie der SPD-Gesetzentwurf vorsieht, bringen bessere Bildungschancen für alle und ein höheres Leistungsniveau“, sagte Schmiedel. Er plädierte zugleich dafür, die individuelle Förderung als durchgängiges Unterrichtsprinzip zu verankern.

„Die Kommunen und Schulen vor Ort sollen pragmatische Lösungen bekommen, um allen Kindern bessere Bildungschancen bieten, das Leistungsniveau insgesamt anheben und Schulstandorte wohnortnah erhalten zu können“, unterstrich Schmiedel. Er bezeichnete den SPD-Gesetzentwurf als einen Zwischenschritt auf dem Weg zur 10-jährigen gemeinsamen Schule für alle.

Der Ulmer Oberbürgermeister und Präsident des Städtetages Baden-Württemberg, Ivo Gönner, forderte die Landesregierung in seinem Statement auf, Kinder länger miteinander und voneinander lernen zu lassen, anstatt sie nach der vierten Grundschulklasse zu trennen. „Die Zeit ist reif für eine große, neue Lösung. Der gemeinsame Nenner dabei sollte sein: Kinder länger gemeinsam lernen lassen, um sie besser fördern zu können.“

Prof. Bernd Reinhoffer von der Pädagogischen Hochschule Weingarten plädierte dafür, die Unterrichtsqualität und die Reform der Schulstruktur als zwei Seiten derselben Medaille zu sehen. Beide Reformstränge sollten deshalb miteinander verschränkt werden. „Eine Strukturreform erfordert einen anderen Unterricht, eine Unterrichtsreform benötigt andere Rahmenbedingungen.“ Das System müsse sich dabei den Schülerinnen und Schülern anpassen, und nicht die Schüler sich dem System, so Reinhoffer.

Die ehemaligen Schulamtsdirektoren Dr. Gerd Friederich und Günther Bader, beide einst Verfechter der Hauptschule, sahen das Ende dieser Schulart gekommen. Daran änderten auch die zahlreichen Rettungsversuche nichts. „Wir müssen eingestehen, dass die Hauptschule gescheitert ist, weil sie vom Schulpublikum nicht akzeptiert wird“, so die Einsicht der beiden Schulverwaltungsexperten. Seit 1966 verliere sie jährlich ein Prozent an Übergangsquote. Längere gemeinsame Lernzeiten seien der einzige Weg, die Schule im ländlichen Bereich zu halten, meinten Friederich und Bader.

Die Vorsitzende des Arbeitskreises Gesamtelternbeiräte, Doris Barzen, forderte eine 10-jährige gemeinsame Schule für alle. Sie appellierte an die SPD, auf dem Weg dorthin noch mehr politischen Mut zu zeigen. Kurzfristige pragmatische Zwischenschritte dürften die eigentlich nötige radikale Strukturreform nicht behindern oder gar auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben.

In seinem Resümee rief der SPD-Abgeordnete Norbert Zeller, Vorsitzender des Schulausschusses im Landtag, die Landesregierung auf, sich nicht länger den Erkenntnissen der internationalen und nationalen Bildungsdiskussion zu verschließen. „Fast alle Bundesländer bringen neue Schulmodelle auf den Weg und orientieren sich dabei an den erfolgreichen integrativen Schulsystemen. Nur die Landesregierung und insbesondere Kultusminister Rau verschanzen sich starrsinnig hinter überholten Positionen.“

Zeller kündigte an, dass die SPD gemeinsam mit Wissenschaft, Verbänden, Schulpraktikern und Elternvertretern den Druck auf die Landesregierung hoch halten werde, damit bald alle Kinder bessere Lernbedingungen bekommen und Baden-Württemberg sich nicht länger ins bildungspolitische Abseits stelle.

Martin Mendler
Stellv. Pressesprecher