Rainer Hinderer: „Wir müssen die Attraktivität der Allgemeinmedizin steigern, die Stellung des Hausarztes stärken, Niederlassungszuschüsse gewähren und alternative Praxisformen fördern.“

Auch in Baden-Württemberg hat sich in vielen Regionen der Landärztemangel verschärft. Mit einem 10 Punkte umfassenden Maßnahmenpaket will die SPD-Landtagsfraktion die hausärztliche Versorgung im ländlichen Raum verbessern. Dazu zählen beispielsweise eine Steigerung der Attraktivität der Allgemeinmedizin innerhalb des Medizinstudiums, eine Stärkung des Hausarztes im Gesundheitswesen insgesamt, Niederlassungszuschüsse für Landärzte in unterversorgten Regionen sowie alternative Praxisformen jenseits der klassischen Einzelpraxis.

„Nur wenn viele Maßnahmen gleichzeitig angegangen werden und alle Beteiligten an einem Strang ziehen, kann die ärztliche Versorgung auf dem Land sichergestellt werden“, betonte Fraktionschef Andreas Stoch bei der Vorstellung des 10-Punkte-Plans. Oberstes Ziel aller Maßnahmen müsse sein, die Attraktivität der Allgemeinmedizin zu steigern und den Stellenwert des Hausarztes in der gesundheitlichen Versorgung zu stärken.

Die rechtlichen Voraussetzungen (etwa im SGB V für alternative Praxisformen) seien größtenteils bereits vorhanden. Jetzt gelte es, die verschiedenen Maßnahmen koordiniert einzusetzen. „Alle Beteiligten, insbesondere die Kassenärztliche Vereinigung, die Krankenkassen, die Krankenhausträger, die Ärztekammer und die Ärzteverbände sowie Bund, Länder und Kommunen müssen jetzt verantwortungsbewusst ein gemeinsames Ziel anpeilen und nicht mit dem Finger auf andere zeigen“, sagte Stoch.

Er forderte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer und Finanzministerin Edith Sitzmann (beide Grüne) auf, unbedingt auf eine Einigung zum „Masterplan Medizinstudium 2020“ zu drängen und sich selbst kompromissbereit zu zeigen. Dieser Masterplan werde derzeit in der Endabstimmung zwischen dem Bund und den Ländern verhandelt, sei aber leider vom Scheitern bedroht.

„Die Chancen in der Reform des Medizinstudiums dürfen keinesfalls verpasst werden. Die Allgemeinmedizin muss in Forschung und Lehre einen ähnlichen Stellenwert erhalten wie die klassischen Fächer Chirurgie oder Innere Medizin“, appellierte Stoch. Eine finanzielle Einigung dürfe nicht am reichen Baden-Württemberg scheitern.

Stoch betonte, der Fachkräftemangel bei den Ärzten sei aktuell in Baden-Württemberg sogar höher als der bei den Ingenieuren in der Automobilbranche. Deshalb müssten mehr Studienplätze in der Humanmedizin eingerichtet und finanziert, ausländische Ärzte bei uns besser integriert und die Abwanderung gebremst werden.

Der Landärztemangel vergrößert sich auch in Baden-Württemberg bereits seit einigen Jahren. „Er wird besonders in den Gemeinden deutlich, in denen der einzig vorhandene Arzt in den Ruhestand geht und wo keine Nachfolge gefunden wird“, erläuterte der SPD-Gesundheitsexperte Rainer Hinderer. Besonderer Mangel herrsche nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung derzeit in den Bereichen Donaueschingen, Eberbach, Horb, Ostalb / Schwäbischer Wald und Öhringen sowie in kleineren Gemeinden bei Backnang, Bad Mergentheim, Bad Säckingen, Balingen, Bühl, Emmendingen, Heilbronn, Kirchheim unter Teck, Offenburg, Pfullendorf, Ravensburg / Weingarten, Rottenburg, Rottweil, Villingen-Schwenningen und Waiblingen / Fellbach.

Isolierte Lösungsvorschläge, wie etwa eine Quote für Studienbewerber, die sich verpflichten, später in der hausärztlichen Versorgung auf dem Land tätig zu werden, sieht Hinderer wegen ihrer fehlenden kurzfristigen Wirksamkeit eher skeptisch. Wenn überhaupt ließen sich mit einem solchen Rezept erst langfristig Erfolge zeigen. Denn es vergingen mindestens 11 Jahre vom Studienbeginn bis zur eigenverantwortlichen kassenärztlichen Tätigkeit, und das ohne Mutterschutz und Elternzeiten. „So lange wollen die betroffenen Menschen nicht warten. Sie wünschen sich mit Recht kurzfristig eine Verbesserung der Situation“, sagte Hinderer.

Um den Versorgungsauftrag zu erfüllen, habe die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg mit dem Programm „Ziel und Zukunft“ umfangreiche Maßnahmen beschlossen. Allerdings fielen die Interessenten dafür nicht vom Himmel. „Patienten wie auch die betroffenen Gemeinden werden nicht umhin kommen, sich vom Bild eines Landarztes in der Einzelpraxis, der sieben Tage in der Woche rund um die Uhr einsatzbereit ist, zu verabschieden“, sagte Hinderer. Gefragt sei vielmehr ärztliche Tätigkeit in verschiedenen Formen der Zusammenarbeit bis hin zum Angestelltenverhältnis in Teilzeit, was gerade von Ärztinnen mit jüngeren Kindern angestrebt werde.

Deshalb müssten sich die Gemeinden, wenn sie sich für die Nachfolge eines ausscheidenden Landarztes engagieren, über verschiedene Berufsausübungsformen im Klaren sein. „Eine Eins-zu-Eins-Wiederbesetzung der Praxis wird häufig an fehlenden Interessenten scheitern. Deshalb gilt es auch Alternativen zur Einzelpraxis in den Blick zu nehmen. Eine Zweigpraxis, die nur drei Tage in der Woche besetzt ist, ist besser als gar keine ärztliche Versorgung vor Ort“, gab Hinderer zu bedenken. Hausbesuche könnten dann auch vom entsprechenden Medizinischen Versorgungszentrum oder der Gemeinschaftspraxis in der Nähe wahrgenommen werden.

Lobend erwähnte Hinderer auch die bundesweit einmalige Regelung der Landesärztekammer Baden-Württemberg, nach der künftig Modellprojekte, in denen ärztliche Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsnetze durchgeführt werden, genehmigt werden können. Das erste Projekt (MedCall 2.0 – Modellprojekt Telemedizin), das nun durch die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg durchgeführt wird, stehe bereits in der Pipeline und müsse vom Sozialministerium entsprechend unterstützt werden. Sozialminister Lucha (Grüne) müsse seinen Vorsitz in der Landesgesundheitskonferenz und im sektorenübergreifenden Landesausschuss dazu nutzen, eine breite Basis für die Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen herzustellen.

Der 10-Punkte-Plan für mehr Landärzte in seinen Einzelheiten:

1. Wir brauchen mehr Ärztinnen und Ärzte in Baden-Württemberg

  • durch eine Erhöhung der Anzahl der Studienplätze;
  • durch Aktivierung nicht berufstätiger Ärztinnen und Ärzte;
  • durch Erhöhung des Umfangs der ärztlichen Tätigkeit ggf. von Teilzeit auf (annähernd) Vollzeit vor allem durch den Ausbau von Kinderbetreuung und Ganztagsschulen;
  • durch Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland bzw. die Anerkennung ihrer dort erworbenen Abschlüsse incl. Sprachförderung;
  • durch Verringerung der Zahl der abwandernden Ärztinnen und Ärzte.

2. Wir brauchen eine stärkere Lenkung der Ärztinnen und Ärzte in unterbesetzte Fachgebiete und Regionen

  • durch mehr Lenkung im Studium und in der Weiterbildung zum Facharzt;
  • durch monetäre Anreize;
  • durch weiterhin bestehende Zulassungssperren und Praxisaufkäufe in „überversorgten“ Planungsbezirken;
  • durch bessere Vereinbarkeit von Familie / Privatleben und Beruf („Work-Life-Balance“, häufig Grund für Abwanderungen ins Ausland, 2/3 aller Medizinstudierenden sind Frauen);
  • durch den Ausbau von Alternativen zur hausärztlichen Einzelpraxis (Gemeinschaftspraxen, Medizinische Versorgungszentren, Zweigpraxen etc.).

3. Wir brauchen eine Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium sowie in der Wissenschaft und damit auch eine Steigerung ihrer

  • durch eine (annähernde) Gleichstellung der Allgemeinmedizin in der Wissenschaft gegenüber den klassischen Fachgebieten in der Medizin, welche insbesondere im Rahmen der Reform des Medizinstudiums, dem Masterplan Medizinstudium 2020, vorzunehmen ist (Lehrstühle, Forschungsmittel, wissenschaftliches Personal, Dissertationsmöglichkeiten);
  • durch (annähernde) Gleichstellung der Allgemeinmedizin gegenüber der Inneren Medizin und der Chirurgie im Praktischen Jahr.

4. Die vorgeschriebenen Weiterbildungszeiten für die Facharztausbildung in Allgemeinmedizin dürfen nicht schwieriger zu erreichen sein als die Weiterbildungszeiten in den klassischen Fächern wie Chirurgie oder Innere Medizin

  • durch eine Stärkung der Weiterbildungsverbünde;
  • durch fortlaufende Weiterbildungsverhältnisse für die Ärztinnen und Ärzte;
  • in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin durch eine Teilnahme aller weiterbildungsberechtigten Krankenhäuser (bzw. ihrer Abteilungen) an den Weiterbildungsverbünden für Allgemeinmedizin;
  • durch das Angebot bzw. die Gewährleistung einer ausreichenden Anzahl von Weiterbildungsstellen in Hausarztpraxen.

5. Die Stellung der hausärztlich tätigen Ärztinnen und Ärzte im Gesundheits-system muss gestärkt werden

  • durch die Stärkung der Position des Hausarztes zum „Lotsen im Gesundheitswesen“ für den einzelnen Patienten, wie es teilweise in den Selektivverträgen schon angelegt ist;
  • durch den Zugang zu allen den jeweiligen Patienten betreffenden relevanten Behandlungsdaten von mitbehandelnden Akteuren im Rahmen von E-Health (elektronische Patientenakte);
  • durch eine bessere Kommunikation mit mitbehandelnden Akteuren im Rahmen von E-Health;
  • durch eine Weiterführung der Notfalldienstreform;
  • durch eine Stärkung der Koordinierungsstelle für Allgemeinmedizin.

6. Die klassische persönliche und direkte Arzt-Patienten-Beziehung bei der Behandlung bleibt weiterhin wichtig, aber nicht mehr singulär

Alternativen sind

  • Delegation und Substitution bisheriger ärztlicher Tätigkeiten auf andere medizinische Fachkräfte – z.B.
    • Bachelor in Nursing
    • VERAH (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis)
    • MoNi (Med. Fachangestellte im „Modell Niedersachsen“)
    • MoPra (Mobile Praxisassistentin)
    • AGnES (Arztentlastende, gemeindenahe, E-Health-gestützte, systemische Intervention);
  • Behandlung per Telemedizin am Telefon oder in einer Video-Konferenz.

7. Die Honorare für die hausärztlich tätigen Ärztinnen und Ärzte müssen – auch aus Gründen des Abbaus der Unterversorgung – weiter gegenüber den Honoraren der anderen Facharztgruppen

  • durch weitere Veränderungen in der Honorarverteilung im Rahmen der ärztlichen Selbstverwaltung vgl. Vorschlag des Sachverständigenrats für Gesundheit aus dem Jahr 2014;
  • durch den Ausbau von Selektivverträgen.

8. Weitere Anreize müssen das Tätigwerden von Landärztinnen und -ärzten in unterversorgten Regionen erleichtern

zum Beispiel durch

  • Niederlassungszuschuss durch die Kassenärztliche Vereinigung;
  • Niederlassungszuschuss aus dem Landarztprogramm der Landesregierung;
  • Niederlassungszuschuss durch die Gemeinde;
  • gute Niederlassungsbedingungen durch die Gemeinde – etwa
    • Praxisräume in guter Lage anbieten (zentral, Bushaltestelle, Parkplätze, Nähe zu Apotheke und Pflegeheim)
    • attraktive Verbünde von Akteuren im Gesundheitswesen fördern
    • an Arbeitsplatzangebote der Partner/innen der Ärztinnen und Ärzte denken
    • Kinderbetreuungsplätze zusichern;
  • Niederlassungsmöglichkeiten durch Umwandlung bisheriger Klinikstandorte in ambulante medizinische Zentren incl. Hausarztpraxen.

9. Die klassische Form der Einzelpraxis im ländlichen Raum ist durch Alternativen zu ergänzen (nicht aber zu ersetzen)

durch

  • mehr Zweigpraxen, insbesondere in dünn besiedelten Gebieten;
  • Praxisgemeinschaften;
  • Berufsausübungsgemeinschaften;
  • Medizinische Versorgungszentren (auch durch Initiative der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg → regiopraxisKVBW);
  • dabei insgesamt mehr Möglichkeiten zum Tätigwerden von Ärztinnen und Ärzten im Angestelltenverhältnis, auch in Teilzeit.

10. Vertiefte Prüfung von Maßnahmen mit Langzeitwirkung

etwa

  • eine andere Auswahl der Studierenden;
  • eine vertragliche Verpflichtung von Studierenden zur Aufnahme einer Tätigkeit in der hausärztlichen Versorgung im ländlichen Raum (Quotierung);
  • die Vergabe von Stipendien für angehende Landärzte;
  • die Änderung der Zulassungsbedingungen für Vertragsärzte in überversorgten Gebieten.

Stuttgart, 30. März 2017

Ansprechpartner

Klose Fraktion
Roland Klose
Berater für Sozial- und Gesundheitspolitik